Kennzahlen Grundlagen
Eine Bilanz enthält viele Zahlen. Für sich allein sagen diese jedoch oft noch wenig aus. Erst durch Vergleiche und die Berechnung von Kennzahlen werden Zusammenhänge sichtbar.
Kennzahlen helfen insbesondere, drei Fragen zu beantworten:
— rwcoach.ch
Ist das Unternehmen zahlungsfähig? Ist es solide finanziert? Arbeitet es rentabel?
Was sind Kennzahlen?
Eine Kennzahl fasst wirtschaftliche Informationen in einer Zahl zusammen.
Kennzahlen können als Betrag, Prozentsatz, Verhältnis, Faktor oder Anzahl Tage dargestellt werden.
| Form der Kennzahl | Beispiel |
| Betrag | Net Working Capital: CHF 300’000 |
| Prozentsatz | Eigenfinanzierungsgrad: 40 Prozent |
| Verhältnis | Fremdkapital zu Eigenkapital: 2 zu 1 |
| Faktor | Lagerumschlag: 6-mal pro Jahr |
| Anzahl Tage | Durchschnittliche Debitorenfrist: 45 Tage |
Kennzahlen reduzieren komplexe Informationen. Dadurch werden Jahresabschlüsse übersichtlicher und verschiedene Unternehmen oder Perioden können besser miteinander verglichen werden.
Die Vereinfachung hat aber auch einen Nachteil:
Eine Kennzahl zeigt, dass etwas auffällig ist. Sie erklärt aber nicht automatisch, weshalb es auffällig ist.
Eine sinkende Liquidität kann beispielsweise durch Verluste, hohe Investitionen, wachsende Vorräte, verspätete Kundenzahlungen oder die Rückzahlung eines Kredits verursacht worden sein.
Die Kennzahl liefert somit einen Hinweis. Für eine fundierte Beurteilung müssen anschliessend die Ursachen untersucht werden.
Was ist eine Bilanzanalyse?
Bei einer Bilanzanalyse werden die Zahlen eines Jahresabschlusses aufbereitet, miteinander verglichen und mithilfe von Kennzahlen beurteilt.
Der Begriff ist etwas eng gefasst. Eine aussagekräftige Analyse verwendet normalerweise nicht nur die Bilanz, sondern auch:
- die Erfolgsrechnung;
- den Anhang zur Jahresrechnung;
- die Geldflussrechnung;
- Vorjahreszahlen;
- Budgets und Planrechnungen;
- Branchen- und Konkurrenzdaten;
- weitere betriebliche Informationen.
Deshalb wird auch von Jahresabschlussanalyse oder Finanzanalyse gesprochen.
Welche Ziele hat die Bilanzanalyse?
Die Bilanzanalyse soll insbesondere zeigen:
- ob das Unternehmen seine kurzfristigen Verpflichtungen bezahlen kann;
- wie das Unternehmen finanziert ist;
- ob Vermögen und Kapital angemessen aufeinander abgestimmt sind;
- wie rentabel das eingesetzte Kapital arbeitet;
- wie effizient Vorräte, Forderungen und andere Vermögenswerte bewirtschaftet werden;
- wie sich die finanzielle Lage im Zeitablauf entwickelt;
- wo Risiken oder Verbesserungspotenziale bestehen.
Die Analyse kann sowohl von internen als auch von externen Personen durchgeführt werden.
| Interne Empfänger | Externe Empfänger |
| Geschäftsleitung | Banken |
| Verwaltungsrat | Investoren |
| Controlling | Lieferanten |
| Bereichsverantwortliche | Versicherungen |
| Eigentümer | Behörden und weitere Anspruchsgruppen |
Interne Personen verfügen normalerweise über detailliertere Informationen. Externe Analysten müssen sich stärker auf die veröffentlichten Unterlagen stützen.
Wie werden Kennzahlen beurteilt?
Eine einzelne Kennzahl lässt sich selten eindeutig als gut oder schlecht beurteilen. Ihre Aussage entsteht vor allem durch Vergleiche.
Zeitvergleich
Beim Zeitvergleich werden die Kennzahlen desselben Unternehmens über mehrere Perioden verglichen.
Dadurch werden Entwicklungen sichtbar:
– Nimmt die Eigenfinanzierung zu oder ab?
– Werden Kundenrechnungen schneller bezahlt?
– Verbessert sich die Rentabilität?
– Steigen die Vorräte schneller als der Umsatz?
Ein einzelnes Geschäftsjahr kann durch aussergewöhnliche Ereignisse verzerrt sein. Eine Entwicklung über mehrere Jahre ist deshalb häufig aussagekräftiger.
Soll-Ist-Vergleich
Beim Soll-Ist-Vergleich werden die tatsächlichen Kennzahlen mit Budget-, Plan- oder Zielwerten verglichen.
Eine Umsatzrendite von 6 Prozent kann beispielsweise positiv erscheinen. Wurden jedoch 10 Prozent budgetiert, besteht eine erhebliche Abweichung.
Die Abweichung muss anschliessend genauer untersucht werden.
Branchenvergleich
Beim Branchenvergleich werden die Kennzahlen mit Unternehmen verglichen, die unter ähnlichen Bedingungen arbeiten.
Ein Handelsunternehmen benötigt normalerweise eine andere Vermögens- und Finanzierungsstruktur als ein Beratungsunternehmen. Ein Industriebetrieb ist häufig anlageintensiver als ein Dienstleistungsbetrieb.
Ein Vergleich ist deshalb nur sinnvoll, wenn Geschäftsmodell, Grösse, Markt und Rechnungslegungsgrundlagen genügend ähnlich sind.
Vergleich mit Richtwerten
Für verschiedene Kennzahlen existieren traditionelle Richtwerte oder Faustregeln.
Solche Richtwerte können als erste Orientierung dienen. Sie dürfen jedoch nicht mechanisch angewendet werden.
Ein Unternehmen mit täglichen Bareinnahmen benötigt beispielsweise weniger flüssige Mittel als ein Unternehmen, dessen Kunden erst nach 60 oder 90 Tagen bezahlen.
Richtwerte ersetzen keine Beurteilung des Geschäftsmodells.
Bestandsgrössen und Stromgrössen
Bei der Berechnung von Kennzahlen werden häufig Werte aus der Bilanz mit Werten aus der Erfolgsrechnung verglichen.
Dabei treffen zwei unterschiedliche Arten von Grössen aufeinander:
| Bestandsgrösse | Zeigt einen Wert an einem bestimmten Stichtag | Bilanz |
| Stromgrösse | Zeigt einen Wert während einer bestimmten Periode | Erfolgsrechnung oder Geldflussrechnung |
Das Eigenkapital in der Bilanz ist beispielsweise eine Bestandsgrösse am Jahresende. Der Jahresgewinn ist dagegen während des gesamten Geschäftsjahres entstanden.
Für Rentabilitäts- und Umschlagskennzahlen sollte deshalb nach Möglichkeit mit einem durchschnittlichen Bilanzbestand gerechnet werden:
| Anfangsbestand |
| + Endbestand |
| ÷ 2 |
| = durchschnittlicher Bestand |
Sind keine Anfangswerte vorhanden oder handelt es sich um eine vereinfachte Schulaufgabe, wird häufig mit dem Endbestand gerechnet.
Das Ergebnis ist dann weniger genau. Wichtig ist, dass die verwendete Methode klar erkennbar ist und bei Vergleichen möglichst gleich bleibt.
Die wichtigsten Gruppen von Kennzahlen
Kennzahlen lassen sich in verschiedene Gruppen einteilen:
| Kennzahlengruppe | Zentrale Frage |
| Liquiditätskennzahlen | Kann das Unternehmen seine kurzfristigen Schulden bezahlen? |
| Finanzierungskennzahlen | Wie ist das Unternehmen finanziert? |
| Deckungskennzahlen | Passt die Finanzierungsdauer zur Bindungsdauer des Vermögens? |
| Vermögensstruktur | Wie setzt sich das Vermögen zusammen? |
| Rentabilitätskennzahlen | Wie erfolgreich arbeitet das eingesetzte Kapital? |
| Umschlags- und Aktivitätskennzahlen | Wie effizient werden Vermögenswerte bewirtschaftet? |
| Cashflow-Kennzahlen | Wie viel Geld erwirtschaftet das Unternehmen tatsächlich? |
Liquiditätskennzahlen
Liquiditätskennzahlen untersuchen, ob das Unternehmen seine kurzfristigen Verpflichtungen bezahlen kann.
Dabei werden verschiedene Bestandteile des Umlaufvermögens mit dem kurzfristigen Fremdkapital verglichen.
Ein Unternehmen kann langfristig rentabel sein und trotzdem zahlungsunfähig werden. Liquidität und Rentabilität sind deshalb getrennt zu beurteilen.
Liquiditätsgrad 1
Der Liquiditätsgrad 1 zeigt, welcher Anteil des kurzfristigen Fremdkapitals sofort mit den vorhandenen flüssigen Mitteln bezahlt werden könnte.
| Flüssige Mittel × 100 |
| ÷ kurzfristiges Fremdkapital |
| = Liquiditätsgrad 1 in Prozent |
Was sagt der Liquiditätsgrad 1 aus?
Ein Liquiditätsgrad 1 von 30 Prozent bedeutet:
Mit den aktuell vorhandenen flüssigen Mitteln könnten 30 Prozent der kurzfristigen Schulden sofort bezahlt werden.
Das Unternehmen muss nicht zwingend 100 Prozent erreichen. Nicht alle kurzfristigen Verpflichtungen werden gleichzeitig fällig und laufend gehen neue Kundenzahlungen ein.
Ein sehr tiefer Wert kann auf ein Liquiditätsrisiko hinweisen. Ein aussergewöhnlich hoher Wert kann umgekehrt bedeuten, dass viel Geld unproduktiv auf Konten liegt.
Als traditionelle Orientierung werden je nach Branche häufig Werte von ungefähr 20 bis 30 Prozent genannt. Der tatsächliche Bedarf hängt jedoch stark vom Geschäftsmodell und den Zahlungsströmen ab.
Liquiditätsgrad 2
Beim Liquiditätsgrad 2 werden zusätzlich zu den flüssigen Mitteln die kurzfristigen Forderungen berücksichtigt.
| Flüssige Mittel + kurzfristige Forderungen |
| × 100 ÷ kurzfristiges Fremdkapital |
| = Liquiditätsgrad 2 in Prozent |
Was sagt der Liquiditätsgrad 2 aus?
Ein Liquiditätsgrad 2 von 100 Prozent bedeutet:
Die flüssigen Mittel und die kurzfristigen Forderungen entsprechen zusammen genau dem kurzfristigen Fremdkapital.
Voraussetzung ist jedoch, dass die Forderungen tatsächlich bezahlt werden. Überfällige oder gefährdete Kundenforderungen sind deshalb kritisch zu prüfen.
Ein Wert um 100 Prozent gilt traditionell als Orientierung. Je nach Branche, Bonität der Kunden und Zahlungsrhythmus kann ein anderer Wert angemessen sein.
Liquiditätsgrad 3
Der Liquiditätsgrad 3 vergleicht das gesamte Umlaufvermögen mit dem kurzfristigen Fremdkapital.
| Umlaufvermögen × 100 |
| ÷ kurzfristiges Fremdkapital |
| = Liquiditätsgrad 3 in Prozent |
Was sagt der Liquiditätsgrad 3 aus?
Ein Liquiditätsgrad 3 von 180 Prozent bedeutet:
Dem kurzfristigen Fremdkapital von CHF 100 steht Umlaufvermögen von CHF 180 gegenüber.
Das Umlaufvermögen enthält jedoch auch Vorräte. Diese müssen möglicherweise zuerst verkauft werden und lassen sich nicht immer kurzfristig zum bilanzierten Wert in Geld umwandeln.
Deshalb ist ein hoher Liquiditätsgrad 3 nicht automatisch ein Beweis für eine gute Zahlungsfähigkeit.
Als traditionelle Orientierung werden häufig Werte von ungefähr 150 bis 200 Prozent genannt. Auch dieser Richtwert ist branchenabhängig.
Net Working Capital
Das Net Working Capital wird nicht als Prozentsatz, sondern als Betrag berechnet:
| Umlaufvermögen |
| – kurzfristiges Fremdkapital |
| = Net Working Capital |
Was sagt das Net Working Capital aus?
Ein positives Net Working Capital bedeutet, dass das Umlaufvermögen höher ist als das kurzfristige Fremdkapital.
Ein Teil des Umlaufvermögens ist somit langfristig finanziert.
Das kann die finanzielle Stabilität stärken. Ein sehr hohes Net Working Capital ist aber nicht automatisch optimal. Es kann auch durch überhöhte Vorräte, langsame Kundenzahlungen oder ungenutzte flüssige Mittel entstehen.
Ein negatives Net Working Capital bedeutet, dass ein Teil des Anlagevermögens kurzfristig finanziert ist. Das kann ein Finanzierungsrisiko darstellen.
Bei einzelnen Geschäftsmodellen mit schnellen Kundenzahlungen und langen Lieferantenzielen kann ein negatives Net Working Capital jedoch normal sein.
Finanzierungskennzahlen
Finanzierungskennzahlen zeigen, in welchem Verhältnis Eigenkapital und Fremdkapital zur Finanzierung des Unternehmens eingesetzt werden.
Eigenfinanzierungsgrad
Der Eigenfinanzierungsgrad zeigt, welcher Anteil des gesamten Unternehmensvermögens durch Eigenkapital finanziert ist.
| Eigenkapital × 100 |
| ÷ Gesamtkapital |
| = Eigenfinanzierungsgrad in Prozent |
Was sagt der Eigenfinanzierungsgrad aus?
Ein Eigenfinanzierungsgrad von 40 Prozent bedeutet:
40 Prozent des Vermögens sind mit Eigenkapital und 60 Prozent mit Fremdkapital finanziert.
Eigenkapital dient als Risikopuffer. Verluste vermindern zunächst das Eigenkapital, bevor die Ansprüche der Fremdkapitalgeber betroffen sind.
Ein höherer Eigenfinanzierungsgrad erhöht deshalb grundsätzlich die finanzielle Stabilität und Unabhängigkeit.
Ein sehr hoher Eigenkapitalanteil ist jedoch nicht in jedem Fall wirtschaftlich optimal. Fremdkapital kann sinnvoll eingesetzt werden, wenn die damit finanzierten Investitionen eine ausreichende Rendite erwirtschaften.
Ein angemessener Eigenfinanzierungsgrad hängt stark von Branche, Geschäftsrisiko, Ertragsstabilität und Investitionsbedarf ab.
Fremdfinanzierungsgrad
Der Fremdfinanzierungsgrad zeigt, welcher Anteil des Vermögens durch Fremdkapital finanziert ist.
| Fremdkapital × 100 |
| ÷ Gesamtkapital |
| = Fremdfinanzierungsgrad in Prozent |
Eigenfinanzierungsgrad und Fremdfinanzierungsgrad ergeben zusammen grundsätzlich 100 Prozent:
| Eigenfinanzierungsgrad |
| + Fremdfinanzierungsgrad |
| = 100 Prozent |
Verschuldungsgrad
Der Begriff Verschuldungsgrad wird nicht überall einheitlich verwendet.
Häufig wird das Fremdkapital mit dem Eigenkapital verglichen:
| Fremdkapital × 100 |
| ÷ Eigenkapital |
| = Verschuldungsgrad in Prozent |
Ein Verschuldungsgrad von 150 Prozent bedeutet:
Auf CHF 100 Eigenkapital entfallen CHF 150 Fremdkapital.
Da unterschiedliche Definitionen verwendet werden, sollte bei jeder Analyse geprüft werden, wie die Kennzahl berechnet wurde.
Der Name einer Kennzahl genügt nicht. Entscheidend ist immer die zugrunde liegende Formel.
Anlagedeckung und goldene Bilanzregel
Anlagedeckungsgrade untersuchen, ob das langfristig gebundene Anlagevermögen auch langfristig finanziert ist.
Dahinter steht ein wichtiges Finanzierungsprinzip:
Die Dauer der Finanzierung sollte zur Dauer der Kapitalbindung passen.
Eine Maschine wird möglicherweise während zehn Jahren genutzt. Sie sollte deshalb nicht mit einem Kredit finanziert werden, der bereits in drei Monaten zurückbezahlt werden muss.
Anlagedeckungsgrad 1
Der Anlagedeckungsgrad 1 zeigt, welcher Anteil des Anlagevermögens durch Eigenkapital finanziert ist.
| Eigenkapital × 100 |
| ÷ Anlagevermögen |
| = Anlagedeckungsgrad 1 in Prozent |
Ein Wert von 100 Prozent bedeutet, dass das gesamte Anlagevermögen mit Eigenkapital finanziert ist.
Diese sehr strenge Finanzierungsregel wird in vielen Unternehmen nicht vollständig erfüllt. Langfristiges Fremdkapital kann ebenfalls zur soliden Finanzierung des Anlagevermögens verwendet werden.
Anlagedeckungsgrad 2
Der Anlagedeckungsgrad 2 berücksichtigt deshalb neben dem Eigenkapital auch das langfristige Fremdkapital.
| Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital |
| × 100 ÷ Anlagevermögen |
| = Anlagedeckungsgrad 2 in Prozent |
Was sagt der Anlagedeckungsgrad 2 aus?
Ein Anlagedeckungsgrad 2 von 120 Prozent bedeutet:
Das langfristige Kapital ist um 20 Prozent höher als das Anlagevermögen.
Das gesamte Anlagevermögen ist langfristig finanziert. Zusätzlich wird ein Teil des Umlaufvermögens durch langfristiges Kapital gedeckt.
Ein Wert von mindestens 100 Prozent entspricht der traditionellen goldenen Bilanzregel im weiteren Sinn.
Liegt der Wert deutlich unter 100 Prozent, wird ein Teil des langfristig gebundenen Anlagevermögens mit kurzfristigem Fremdkapital finanziert. Dadurch kann ein Refinanzierungs- und Liquiditätsrisiko entstehen.
Zwischen dem Anlagedeckungsgrad 2 und dem Net Working Capital besteht ein direkter Zusammenhang:
- Anlagedeckungsgrad 2 über 100 Prozent: Net Working Capital grundsätzlich positiv.
- Anlagedeckungsgrad 2 unter 100 Prozent: Net Working Capital grundsätzlich negativ.
Kennzahlen zur Vermögensstruktur
Kennzahlen zur Vermögensstruktur zeigen, wie sich das Gesamtvermögen auf Anlage- und Umlaufvermögen verteilt.
Anlagenintensität
| Anlagevermögen × 100 |
| ÷ Gesamtvermögen |
| = Anlagenintensität in Prozent |
Eine hohe Anlagenintensität ist typisch für kapitalintensive Unternehmen mit Gebäuden, Maschinen oder umfangreicher Infrastruktur.
Anlagevermögen bindet Kapital häufig über längere Zeit. Zudem können Abschreibungen, Unterhaltskosten und fixe Kosten entstehen.
Eine hohe Anlagenintensität ist deshalb weder automatisch gut noch schlecht. Sie muss zum Geschäftsmodell passen.
Umlaufintensität
| Umlaufvermögen × 100 |
| ÷ Gesamtvermögen |
| = Umlaufintensität in Prozent |
Anlagenintensität und Umlaufintensität ergeben zusammen grundsätzlich 100 Prozent.
| Anlagenintensität |
| + Umlaufintensität |
| = 100 Prozent |
Ein hoher Anteil an Umlaufvermögen kann auf eine hohe kurzfristige Beweglichkeit hinweisen. Das gilt jedoch nur, wenn Forderungen einbringlich und Vorräte gut verkäuflich sind.
Rentabilitätskennzahlen
Rentabilitätskennzahlen vergleichen einen erzielten Erfolg mit dem dafür eingesetzten Kapital oder dem erzielten Umsatz.
Ein Gewinn von CHF 100’000 kann für ein kleines Unternehmen sehr hoch und für einen grossen Konzern unbedeutend sein.
Erst der Vergleich mit dem eingesetzten Kapital oder dem Umsatz ermöglicht eine bessere Beurteilung.
Eigenkapitalrentabilität
Die Eigenkapitalrentabilität zeigt, wie stark sich das von den Eigentümern eingesetzte Kapital verzinst hat.
| Jahresgewinn × 100 |
| ÷ durchschnittliches Eigenkapital |
| = Eigenkapitalrentabilität in Prozent |
Was sagt die Eigenkapitalrentabilität aus?
Eine Eigenkapitalrentabilität von 12 Prozent bedeutet vereinfacht:
Pro CHF 100 durchschnittlich eingesetztem Eigenkapital wurde ein Gewinn von CHF 12 erzielt.
Eine hohe Eigenkapitalrentabilität kann auf ein erfolgreiches Unternehmen hinweisen. Sie kann jedoch auch durch einen sehr tiefen Eigenkapitalbestand und eine hohe Verschuldung entstehen.
Die Kennzahl muss deshalb zusammen mit dem Eigenfinanzierungsgrad und dem Geschäftsrisiko beurteilt werden.
Gesamtkapitalrentabilität
Die Gesamtkapitalrentabilität zeigt, wie erfolgreich das gesamte eingesetzte Kapital gearbeitet hat – unabhängig davon, ob es von Eigentümern oder Fremdkapitalgebern stammt.
| Jahresgewinn + Fremdkapitalzinsen |
| × 100 ÷ durchschnittliches Gesamtkapital |
| = Gesamtkapitalrentabilität in Prozent |
Die Fremdkapitalzinsen werden zum Gewinn addiert, weil sie einen Teil des vom Unternehmen erwirtschafteten Erfolgs darstellen, der an die Fremdkapitalgeber weitergegeben wurde.
Unterschiedliche Formeln der Gesamtkapitalrentabilität
In der Praxis und in Lehrmitteln werden unterschiedliche Varianten verwendet.
Teilweise wird statt «Jahresgewinn plus Fremdkapitalzinsen» das Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern, der sogenannte EBIT, eingesetzt.
Die Varianten können zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Für Vergleiche ist deshalb wichtig, dass dieselbe Formel und dieselbe Ergebnisgrösse verwendet werden.
EBIT-Marge
Die EBIT-Marge zeigt, welcher Anteil des Nettoerlöses als Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern verbleibt.
| EBIT × 100 |
| ÷ Nettoerlös |
| = EBIT-Marge in Prozent |
Eine EBIT-Marge von 8 Prozent bedeutet:
Von CHF 100 Nettoerlös verbleiben CHF 8 als Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern.
Die EBIT-Marge eignet sich besonders für die Beurteilung des operativen Geschäfts, weil Finanzierung und Steuern noch nicht berücksichtigt sind.
Reingewinnmarge
Die Reingewinnmarge zeigt, welcher Anteil des Nettoerlöses nach Berücksichtigung aller Aufwände als Gewinn verbleibt.
| Jahresgewinn × 100 |
| ÷ Nettoerlös |
| = Reingewinnmarge in Prozent |
Der allgemeine Begriff Umsatzrendite kann je nach Quelle unterschiedlich definiert sein. Teilweise ist damit die EBIT-Marge, teilweise die Reingewinnmarge gemeint.
Auch hier gilt deshalb: Die Formel muss angegeben oder überprüft werden.
Zusatzwissen: EBIT und EBITDA
EBIT bedeutet Ergebnis vor Zinsen und Steuern.
EBITDA bedeutet Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und Abschreibungen auf immaterielle Werte.
Das EBITDA liegt deshalb normalerweise über dem EBIT.
Die Kennzahl kann den Vergleich von Unternehmen mit unterschiedlichen Abschreibungen erleichtern. Sie darf jedoch nicht mit einem Cashflow gleichgesetzt werden.
Auch ein Unternehmen mit hohem EBITDA kann Geld in Vorräten und Forderungen binden oder hohe Investitionen tätigen.
Umschlags- und Aktivitätskennzahlen
Umschlags- und Aktivitätskennzahlen untersuchen, wie effizient bestimmte Vermögenspositionen eingesetzt und bewirtschaftet werden.
Kapitalumschlag
Der Kapitalumschlag zeigt, wie oft das eingesetzte Gesamtkapital durch den Jahresumsatz umgesetzt wurde.
| Nettoerlös |
| ÷ durchschnittliches Gesamtkapital |
| = Kapitalumschlag |
Ein Kapitalumschlag von 1,5 bedeutet:
Pro CHF 1 eingesetztem Gesamtkapital wurde ein Nettoerlös von CHF 1.50 erzielt.
Ein hoher Kapitalumschlag kann auf eine effiziente Nutzung des Vermögens hinweisen. Die angemessene Höhe hängt jedoch stark von der Branche ab.
Lagerumschlag
Der Lagerumschlag zeigt, wie oft der durchschnittliche Vorratsbestand während eines Jahres verbraucht beziehungsweise verkauft wurde.
| Waren- oder Materialaufwand |
| ÷ durchschnittlicher Vorratsbestand |
| = Lagerumschlag |
Je nach Unternehmen kann statt des Waren- oder Materialaufwands eine andere passende Aufwandgrösse verwendet werden.
Durchschnittliche Lagerdauer
| Durchschnittlicher Vorratsbestand × 360 |
| ÷ Waren- oder Materialaufwand |
| = durchschnittliche Lagerdauer in Tagen |
Alternativ kann gerechnet werden:
| 360 Tage |
| ÷ Lagerumschlag |
| = durchschnittliche Lagerdauer |
Was sagt die Lagerdauer aus?
Eine Lagerdauer von 60 Tagen bedeutet vereinfacht, dass die Vorräte durchschnittlich während 60 Tagen im Lager gebunden sind.
Eine sinkende Lagerdauer kann auf eine effizientere Lagerbewirtschaftung hinweisen.
Eine zu tiefe Lagerhaltung kann jedoch zu Lieferengpässen, Produktionsunterbrüchen oder verlorenen Verkäufen führen.
Eine steigende Lagerdauer kann unter anderem auf Überbestände, Absatzprobleme, veraltete Waren oder eine bewusste Sicherheitsreserve hinweisen.
Durchschnittliche Debitorenfrist
Die durchschnittliche Debitorenfrist zeigt, nach wie vielen Tagen Kunden ihre Rechnungen durchschnittlich bezahlen.
| Durchschnittliche Forderungen aus Lieferungen und Leistungen × 360 |
| ÷ Kreditumsatz |
| = durchschnittliche Debitorenfrist in Tagen |
Der Kreditumsatz umfasst jene Verkäufe, die den Kunden auf Rechnung gestellt wurden. Bar- und Kartenzahlungen gehören grundsätzlich nicht dazu.
Was sagt die Debitorenfrist aus?
Eine Debitorenfrist von 45 Tagen bedeutet, dass Kundenrechnungen durchschnittlich nach 45 Tagen bezahlt werden.
Bei einem vereinbarten Zahlungsziel von 30 Tagen kann dies auf verspätete Zahlungen oder ein verbesserungsfähiges Mahnwesen hinweisen.
Eine lange Debitorenfrist bindet Liquidität und erhöht das Ausfallrisiko.
Die Kennzahl kann jedoch durch saisonale Umsätze, einzelne Grosskunden oder starke Veränderungen am Jahresende verzerrt werden.
Durchschnittliche Kreditorenfrist
Die durchschnittliche Kreditorenfrist zeigt, nach wie vielen Tagen das Unternehmen seine Lieferantenrechnungen durchschnittlich bezahlt.
| Durchschnittliche Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen × 360 |
| ÷ Krediteinkäufe |
| = durchschnittliche Kreditorenfrist in Tagen |
Sind die tatsächlichen Krediteinkäufe nicht bekannt, wird in vereinfachten Berechnungen teilweise mit dem Waren- oder Materialaufwand gearbeitet.
Was sagt die Kreditorenfrist aus?
Eine Kreditorenfrist von 50 Tagen bedeutet, dass Lieferantenrechnungen durchschnittlich nach 50 Tagen bezahlt werden.
Eine längere Kreditorenfrist kann die Liquidität schonen. Sie kann aber auch auf Zahlungsprobleme hinweisen.
Werden vereinbarte Zahlungsziele überschritten, können Mahnkosten, Lieferstopps oder Vertrauensverluste entstehen.
Eine sehr kurze Kreditorenfrist kann sinnvoll sein, wenn dadurch Skonti genutzt werden. Sie kann aber auch bedeuten, dass vorhandene Zahlungsziele nicht ausgeschöpft werden.
In der Schweiz wird in Schul- und Praxisberechnungen häufig mit 360 Tagen gerechnet. Berechnungen mit 365 Tagen sind ebenfalls möglich.
Für Vergleiche muss stets dieselbe Tagesbasis verwendet werden.
Cashflow-Kennzahlen
Erfolgskennzahlen beruhen auf Erträgen und Aufwänden. Cashflow-Kennzahlen untersuchen dagegen, wie viel Geld durch die Geschäftstätigkeit tatsächlich erwirtschaftet wurde.
Operative Cashflow-Marge
| Operativer Cashflow × 100 |
| ÷ Nettoerlös |
| = operative Cashflow-Marge in Prozent |
Eine operative Cashflow-Marge von 10 Prozent bedeutet:
Pro CHF 100 Nettoerlös wurden CHF 10 operativer Cashflow erwirtschaftet.
Die Kennzahl zeigt, wie gut Umsätze in tatsächlich verfügbare finanzielle Mittel umgewandelt werden.
Gewinn und Cashflow gemeinsam beurteilen
Ein hoher Gewinn bei schwachem operativem Cashflow kann unter anderem bedeuten, dass viel Geld in Forderungen oder Vorräten gebunden ist.
Ein operativer Cashflow über dem Gewinn kann beispielsweise durch hohe Abschreibungen oder eine Abnahme des Working Capitals entstehen.
Weder Gewinn noch Cashflow sollte isoliert beurteilt werden.
Der Gewinn zeigt den wirtschaftlichen Erfolg. Der operative Cashflow zeigt, wie viel Geld das laufende Geschäft tatsächlich hervorgebracht hat.
Ein vollständiges Kennzahlenbeispiel
Die folgenden vereinfachten Zahlen stammen von der Muster AG. Die Beträge werden in CHF 1’000 dargestellt.
Vereinfachte Bilanz
| Aktiven | CHF 1’000 | Passiven | CHF 1’000 |
| Flüssige Mittel | 80 | Kurzfristiges Fremdkapital | 300 |
| Forderungen aus Lieferungen und Leistungen | 220 | Langfristiges Fremdkapital | 450 |
| Vorräte | 300 | Eigenkapital | 750 |
| Übriges Umlaufvermögen | 20 | ||
| Umlaufvermögen | 620 | Fremdkapital | 750 |
| Anlagevermögen | 880 | ||
| Gesamtvermögen | 1’500 | Gesamtkapital | 1’500 |
Vereinfachte Erfolgsrechnung
| Nettoerlös | 2’400 |
| – Waren- und Materialaufwand | –1’200 |
| – Personalaufwand | –600 |
| – übriger Betriebsaufwand | –250 |
| – Abschreibungen | –100 |
| = EBIT | 250 |
| – Fremdkapitalzinsen | –30 |
| – Steuern und weitere Positionen | –50 |
| = Jahresgewinn | 170 |
Zur Vereinfachung werden für die folgenden Berechnungen die Bilanzwerte am Jahresende verwendet. In einer vertieften Analyse wären bei Rentabilitäts- und Umschlagskennzahlen grundsätzlich Durchschnittsbestände vorzuziehen.
Berechnung der Liquiditätskennzahlen
| Kennzahl | Berechnung | Ergebnis |
| Liquiditätsgrad 1 | 80 × 100 ÷ 300 | 26,7 Prozent |
| Liquiditätsgrad 2 | (80 + 220) × 100 ÷ 300 | 100,0 Prozent |
| Liquiditätsgrad 3 | 620 × 100 ÷ 300 | 206,7 Prozent |
| Net Working Capital | 620 – 300 | CHF 320’000 |
Die klassischen Liquiditätswerte liegen in einem grundsätzlich soliden Bereich. Das Unternehmen verfügt zudem über ein positives Net Working Capital von CHF 320’000.
Für eine vertiefte Beurteilung müsste insbesondere geprüft werden, ob die Forderungen werthaltig und die Vorräte gut verkäuflich sind.
Berechnung der Finanzierungskennzahlen
| Kennzahl | Berechnung | Ergebnis |
| Eigenfinanzierungsgrad | 750 × 100 ÷ 1’500 | 50,0 Prozent |
| Fremdfinanzierungsgrad | 750 × 100 ÷ 1’500 | 50,0 Prozent |
| Verschuldungsgrad | 750 × 100 ÷ 750 | 100,0 Prozent |
| Anlagedeckungsgrad 1 | 750 × 100 ÷ 880 | 85,2 Prozent |
| Anlagedeckungsgrad 2 | (750 + 450) × 100 ÷ 880 | 136,4 Prozent |
Das Unternehmen ist je zur Hälfte mit Eigen- und Fremdkapital finanziert.
Das Eigenkapital allein deckt das Anlagevermögen nicht vollständig. Zusammen mit dem langfristigen Fremdkapital wird das Anlagevermögen jedoch deutlich über 100 Prozent gedeckt.
Die langfristige Finanzierung erscheint damit grundsätzlich solide.
Berechnung der Rentabilitätskennzahlen
| Kennzahl | Berechnung | Ergebnis |
| Eigenkapitalrentabilität | 170 × 100 ÷ 750 | 22,7 Prozent |
| Gesamtkapitalrentabilität | (170 + 30) × 100 ÷ 1’500 | 13,3 Prozent |
| EBIT-Marge | 250 × 100 ÷ 2’400 | 10,4 Prozent |
| Reingewinnmarge | 170 × 100 ÷ 2’400 | 7,1 Prozent |
| Kapitalumschlag | 2’400 ÷ 1’500 | 1,6-mal |
Die Muster AG erzielt pro CHF 100 Nettoerlös ein Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern von rund CHF 10.40 und einen Jahresgewinn von rund CHF 7.10.
Die Eigenkapitalrentabilität beträgt 22,7 Prozent. Für eine abschliessende Beurteilung müssten diese Werte insbesondere mit Vorjahren, Budget und vergleichbaren Unternehmen der Branche verglichen werden.
Gesamtbeurteilung des Beispiels
Auf den ersten Blick zeigt die Muster AG:
- eine grundsätzlich ausreichende kurzfristige Liquidität;
- ein positives Net Working Capital;
- einen Eigenfinanzierungsgrad von 50 Prozent;
- eine langfristige Finanzierung des gesamten Anlagevermögens;
- ein positives und rentables operatives Geschäft.
Trotzdem wäre die Analyse noch nicht abgeschlossen. Unter anderem wären folgende Fragen zu untersuchen:
- Wie haben sich die Kennzahlen gegenüber den Vorjahren entwickelt?
- Wie hoch sind die branchenüblichen Werte?
- Sind die Forderungen vollständig einbringlich?
- Enthalten die Vorräte veraltete oder schwer verkäufliche Bestände?
- Wie hoch ist der operative Cashflow?
- Welche Investitionen und Kreditrückzahlungen stehen bevor?
- Ist der ausgewiesene Gewinn nachhaltig oder durch Sondereffekte beeinflusst?
Kennzahlen sind der Anfang einer Analyse – nicht deren Ende.
Kennzahlen richtig interpretieren
Eine gute Bilanzanalyse besteht nicht darin, möglichst viele Formeln zu berechnen. Entscheidend ist, die Kennzahlen miteinander zu verbinden und ihre Ursachen zu verstehen.
Beispiel: Steigender Umsatz bei sinkender Liquidität
Ein steigender Umsatz klingt zunächst positiv. Gleichzeitig kann sich die Liquidität verschlechtern.
Mögliche Ursachen sind:
– Kunden bezahlen langsamer;
– zur Finanzierung des Wachstums wurden hohe Vorräte aufgebaut;
– Lieferanten müssen schneller bezahlt werden;
– das Unternehmen erzielt zu tiefe Margen;
– hohe Investitionen wurden aus eigenen Mitteln finanziert.
Der Umsatzanstieg allein genügt deshalb nicht für eine positive Beurteilung.
Beispiel: Steigende Eigenkapitalrentabilität
Eine steigende Eigenkapitalrentabilität kann durch einen höheren Gewinn entstehen.
Sie kann aber auch steigen, weil das Eigenkapital durch Verluste, Ausschüttungen oder Kapitalrückzahlungen gesunken ist.
Im zweiten Fall steigt die Kennzahl möglicherweise, obwohl die finanzielle Stabilität abgenommen hat.
Deshalb sind Eigenkapitalrentabilität und Eigenfinanzierungsgrad gemeinsam zu beurteilen.
Beispiel: Sehr hoher Liquiditätsgrad 3
Ein hoher Liquiditätsgrad 3 kann auf eine komfortable finanzielle Situation hinweisen.
Der Wert kann aber auch durch stark gestiegene Vorräte oder überfällige Kundenforderungen verursacht sein.
Solche Vermögenswerte sind möglicherweise nicht kurzfristig in Geld umwandelbar.
Deshalb sollten Zusammensetzung und Qualität des Umlaufvermögens geprüft werden.
Beispiel: Verbesserung durch Bilanzverkürzung
Verwendet ein Unternehmen überschüssige flüssige Mittel zur Rückzahlung von Fremdkapital, sinken sowohl Vermögen als auch Kapital.
Dadurch können sich verschiedene Kennzahlen verändern, obwohl das operative Geschäft gleich geblieben ist.
Je nach Ausgangslage können beispielsweise der Eigenfinanzierungsgrad und der Kapitalumschlag steigen.
Eine Kennzahlenveränderung muss deshalb immer mit den zugrunde liegenden Geschäftsvorfällen erklärt werden.
Grenzen der Bilanzanalyse
Kennzahlen liefern wertvolle Informationen. Sie haben jedoch Grenzen.
- Die Bilanz zeigt grundsätzlich nur die Situation an einem bestimmten Stichtag.
- Bewertungsmethoden und Ermessensentscheide beeinflussen die ausgewiesenen Zahlen.
- Stille Reserven können Vermögen und Eigenkapital tiefer erscheinen lassen.
- Einzelne aussergewöhnliche Ereignisse können ein Geschäftsjahr verzerren.
- Inflation und Preisveränderungen erschweren langfristige Vergleiche.
- Unterschiedliche Rechnungslegungsstandards können zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.
- Nicht finanzielle Faktoren werden nur unvollständig erfasst.
- Die Qualität von Mitarbeitenden, Kundenbeziehungen, Marken, Know-how und Marktstellung ist häufig nicht direkt aus der Bilanz erkennbar.
Auch Zukunftsrisiken wie neue Konkurrenz, technische Veränderungen oder der Verlust eines wichtigen Kunden erscheinen möglicherweise noch nicht in den aktuellen Kennzahlen.
Eine Bilanzanalyse beurteilt Zahlen aus der Vergangenheit. Unternehmerische Entscheidungen betreffen jedoch die Zukunft.
Vorgehen bei einer einfachen Bilanzanalyse
Eine erste Bilanzanalyse kann schrittweise aufgebaut werden:
- Unternehmen verstehen:
Branche, Geschäftsmodell, Produkte, Kunden und besondere Risiken erfassen. - Unterlagen prüfen:
Bilanz, Erfolgsrechnung, Anhang, Geldflussrechnung und Vorjahreszahlen lesen. - Auffällige Veränderungen suchen:
Starke Zu- oder Abnahmen bei Umsatz, Gewinn, Forderungen, Vorräten, Schulden oder Eigenkapital erkennen. - Kennzahlen berechnen:
Liquidität, Finanzierung, Anlagedeckung, Rentabilität und Umschlag untersuchen. - Vergleiche durchführen:
Vorjahre, Budget, Richtwerte und Branchenwerte einbeziehen. - Zusammenhänge herstellen:
Kennzahlen nicht isoliert, sondern gemeinsam beurteilen. - Ursachen untersuchen:
Abweichungen und auffällige Entwicklungen mit den zugrunde liegenden Geschäftsvorfällen erklären. - Gesamturteil formulieren:
Stärken, Risiken und mögliche Massnahmen nachvollziehbar zusammenfassen.
Verständnisfragen
Mit den folgenden Fragen kannst Du prüfen, ob Du die wichtigsten Zusammenhänge verstanden hast:
Warum kann eine Kennzahl normalerweise nicht isoliert beurteilt werden?
Eine Kennzahl fasst komplexe Informationen zusammen, zeigt aber nicht automatisch die Ursachen einer Entwicklung.
Ein hoher Liquiditätsgrad kann beispielsweise auf eine solide Zahlungsfähigkeit hinweisen. Er kann aber auch durch überhöhte Vorräte oder überfällige Kundenforderungen verursacht sein.
Für eine sinnvolle Beurteilung müssen deshalb weitere Kennzahlen, die Zusammensetzung der Bilanzpositionen, Zeitvergleiche und das Geschäftsmodell berücksichtigt werden.
Was ist der Unterschied zwischen Liquidität und Rentabilität?
Liquidität bezeichnet die Fähigkeit, fällige Zahlungsverpflichtungen rechtzeitig zu erfüllen.
Rentabilität zeigt, wie erfolgreich das eingesetzte Kapital oder der erzielte Umsatz arbeitet.
Ein Unternehmen kann rentabel sein, aber wegen verspäteter Kundenzahlungen oder hoher Investitionen vorübergehend zu wenig Geld haben.
Umgekehrt kann ein Unternehmen durch einen neuen Kredit über viel Liquidität verfügen, obwohl es Verluste erzielt.
Warum ist ein hoher Liquiditätsgrad 3 nicht automatisch positiv?
Der Liquiditätsgrad 3 berücksichtigt das gesamte Umlaufvermögen und damit auch Vorräte.
Vorräte müssen zuerst verkauft werden und können möglicherweise nicht kurzfristig zum bilanzierten Wert in Geld umgewandelt werden.
Auch hohe Forderungen können den Liquiditätsgrad verbessern, obwohl Kunden verspätet bezahlen oder einzelne Forderungen gefährdet sind.
Ein hoher Wert muss deshalb anhand der Zusammensetzung und Qualität des Umlaufvermögens beurteilt werden.
Was zeigt der Eigenfinanzierungsgrad?
Der Eigenfinanzierungsgrad zeigt, welcher Anteil des Gesamtvermögens durch Eigenkapital finanziert ist.
Ein höherer Eigenkapitalanteil stärkt grundsätzlich die finanzielle Stabilität und Unabhängigkeit, weil das Eigenkapital Verluste auffangen kann.
Die angemessene Höhe hängt jedoch unter anderem von Branche, Geschäftsrisiko, Ertragsstabilität und Investitionsbedarf ab.
Was bedeutet ein Anlagedeckungsgrad 2 von weniger als 100 Prozent?
Ein Anlagedeckungsgrad 2 unter 100 Prozent bedeutet, dass Eigenkapital und langfristiges Fremdkapital zusammen nicht ausreichen, um das gesamte Anlagevermögen zu finanzieren.
Ein Teil des langfristig gebundenen Anlagevermögens wird somit durch kurzfristiges Fremdkapital finanziert.
Dadurch kann ein Refinanzierungs- und Liquiditätsrisiko entstehen, weil kurzfristige Schulden fällig werden, bevor das im Anlagevermögen gebundene Geld zurückfliesst.
Warum kann eine hohe Eigenkapitalrentabilität durch eine hohe Verschuldung entstehen?
Bei der Eigenkapitalrentabilität wird der Gewinn durch das Eigenkapital geteilt.
Ist das Eigenkapital im Verhältnis zum gesamten Unternehmen sehr tief, kann bereits ein mässiger Gewinn zu einer hohen Eigenkapitalrentabilität führen.
Das Unternehmen trägt dann möglicherweise ein erhöhtes Finanzierungsrisiko, weil ein grosser Teil des Vermögens mit Fremdkapital finanziert ist.
Die Eigenkapitalrentabilität muss deshalb zusammen mit Eigenfinanzierungsgrad, Verschuldung und Zinsbelastung beurteilt werden.
Was zeigt die durchschnittliche Debitorenfrist?
Die durchschnittliche Debitorenfrist zeigt, nach wie vielen Tagen Kunden ihre Rechnungen durchschnittlich bezahlen.
Steigt die Frist, wird mehr Geld in Forderungen gebunden. Gleichzeitig kann das Ausfallrisiko zunehmen.
Die Kennzahl sollte mit den vereinbarten Zahlungszielen, den Vorjahreswerten und den tatsächlichen Fälligkeitsstrukturen verglichen werden.
Warum sollte bei Rentabilitätskennzahlen mit durchschnittlichem Kapital gerechnet werden?
Der Gewinn entsteht während des gesamten Geschäftsjahres. Das Kapital in der Bilanz zeigt dagegen nur den Bestand an einem bestimmten Stichtag.
Hat sich das Kapital während des Jahres stark verändert, kann der Endbestand die tatsächlichen Verhältnisse verzerren.
Ein durchschnittlicher Bestand aus Anfangs- und Endwert stellt deshalb häufig eine bessere Vergleichsgrundlage dar.
Zusammenfassung
Kennzahlen verdichten die Informationen eines Jahresabschlusses und machen wirtschaftliche Zusammenhänge besser sichtbar.
Die wichtigsten Kennzahlengruppen untersuchen:
- die kurzfristige Zahlungsfähigkeit;
- die Zusammensetzung der Finanzierung;
- die langfristige Deckung des Anlagevermögens;
- die Struktur des Vermögens;
- die Rentabilität des eingesetzten Kapitals;
- die Effizienz der Vermögensbewirtschaftung;
- die Fähigkeit des Betriebs, tatsächlich Geld zu erwirtschaften.
Eine professionelle Bilanzanalyse beschränkt sich jedoch nicht auf das Berechnen von Formeln.
Kennzahlen müssen verglichen, miteinander verbunden und anhand des Geschäftsmodells interpretiert werden.
Erst wenn die Ursachen hinter den Zahlen verstanden werden, wird aus einer Kennzahlenberechnung eine wirkliche Bilanzanalyse.
— rwcoach.ch